Die Beschaffung von Grund und Boden und die Bewirtschaftung am Telegraphen    

 

Was wissen wir eigentlich von der Grenzbeachtung an den Landesgrenzen, die Telegraphen-Nutzung betreffend? 

 

Es kommt keine strenge Regelung vor!

 

Nach den von mir gewonnenen Erkenntnissen profitierten sowohl das Herzogtum Braunschweig (HB) als auch das Königreich Hannover (KH) von der Sicherung ihres Landes, des Landfriedens, durch die Telegraphenlinie.  

 

Die zur Bedienung der Stationen erforderlichen Grenzübertretungen, nur mal beispielsweise: wenn sich die Wasserstelle auf dem fremden Territorium  befand, wurden weder angesprochen noch reglementiert. Sowohl Preußen als auch Braunschweig und Hannover waren sich in diesem Punkte einig, dieses zu tolerieren. Es wäre wohl täglich zu Einschreitungen gekommen, wenn, da ja mehrere Stationen an die unmittelbare Landesgrenze gestellt waren, dieses nicht so geregelt gewesen wäre.  

 

In einem mir vorliegenden Schriftwechsel vom 5. Mai 1833 werden alle an der Akquisition, das T-Terrain betreffend, aufgefordert, alles zum guten Gedeihen einer so wichtigen Staatsanlage erforderliche zu leisten und sofern sie die örtlichen Umstände besser kennen als die Bauherren, ihnen jegliche Unterstützung angedeihen zu lassen, so wie es bereits im Schreiben vom 18. Oktober 1832 allen Beteiligten Staatsbeamten angekündigt worden war. Nicht ein Wort von Ausländern oder Fremden ist in den Anordnungen zu lesen. Der Tenor liegt vielmehr auf Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Zuvorkommenheit, Unterstützung, usw..  

 

Wörtlich ist geschrieben: ... so weit dieselbe das hiesige Land berührt, auf das willfährigste zu befördern sich erklärt und dem gemäß dem Oberförster von Unger in Seesen aufgetragen hat, die dieserhalb einzuleitenden Arbeiten des Königlich Preußischen Majors O'Etzel zu unterstützen. Gandersheim, den 5. Mai 1833  (LS) Gerhard  

 

Auch ist Bauholz nach Anforderung umgehend zu liefern und hierzu wurde nichts von einheimischen Preisen erwähnt, bezahlt wurde nach Ortstarif.  

 

Weiter steht: 

Der Anzeige des Oberförsters v. Unger nach wird auch ein Telegraph in den Forstort Osterköpfe über Hahausen und ein zweiter im Forstort Selter bei Naensen zu stehen kommen; ob auf den Heber am Mechtshäuser Wege nach Gandersheim noch ein Telegraf auf Königlich Hannoversches Territorio zu stehen kommen wird, ist noch nicht ganz entschieden. 

 

Wer in den 1970/80er Jahren diese Zeilen stenoartig im Archiv abgeschrieben hatte, konnte leicht in die Versuchung geraten, die Nr. 24a auf diesen Punkt in Mechtshausen zu setzen, wie es dann auch geschehen war.

 

Als ich aus diesem Grunde, um mir Klarheit zu verschaffen, während meiner Forschung meinen neuen Freund, "Boss" Siegfried Bohnsack, in Altgandersheim aufgesucht hatte, um mit ihm die Ortslage der Station zu besprechen, hatte er kurz zuvor in Kirchenbüchern Telegraphisten bei Taufen und Trauungen entdeckt und forschte darüber. Er wunderte sich einerseits, dass es hier Telegraphisten gab, was waren denn das für Leute?, und andererseits warum ein Platz im Genossenschaftswald von Altgandersheim "Am Telegraphen"? genannt wurde. Er fand nach akribischer Arbeit den ehemaligen Standort der Nr. 24a, den er mir dann freundlich anhand einer Karte und auch vor Ort zeigen konnte. Dazu gab es noch Anekdoten über die Begleitumstände des Verkaufs und des Rückkaufs des Grund und Bodens der Station. Danke dafür. 

 

So gab es in Naensen beim Ankauf des Terrains eine Besonderheit: Der Grund und Boden wurde von Preußen zwar angekauft, abgewickelt wurde der Kaufcontract jedoch nicht. Die Rechnung wurde erst nach der Auflösung der T-Linie aufgemacht, als Preußen für die gesamte Laufzeit von 16 Jahren nur 4 % Zinsen/p.a. auf den Kaufpreis zu zahlen verpflichtet wurde und die Forstgenossen daraufhin ihren Grundbesitz zurücküberschrieben bekamen. Preußen war hier also nur Nießnutzer.  

 

Im Übrigen sicherten sich alle Eigner das Vorkaufsrecht oder im Hannorschen das Näherrecht nach Auflösung der Telegraphenlinie an Grund und Boden. 

 

Sofortige Bereitstellung von billigem Pachtland 

 

Erwähnt werden muss zu diesem Thema unbedingt auch die sofortige unkompli-zierte Bereitschaft der jeweiligen Eigentümer, das zur Selbstversorgung der Stationsbewohner benötigte Land gegen billigen Pachtzins zur Benutzung herzu-geben. Jede Station von der Nr. 17 bis zur 28 (ausser der Nrn. 18 Neuwegers-leben, 20 Veltheim und  21 Hornburg) hatten die am Stationsgebäude befindlichen Gärten intensiv mit Viehhaltung, Obst- und Gemüseanbau bewirtschaftet.


Von der Nr. 19 Pabstorf/Dedeleben wissen wir aus den Unterlagen, dass sogar die Wege zum Telegraphen als Weidefläche genutzt wurden. 

 

Am auffälligsten ist der Betrieb des OT Vollmar am Buchladen bei Schladen. Nicht nur seine an die einhundert unterschiedlichster Sorten Obstbäume trugen ihm eine reiche Ernte ein, sondern es gab auch ebenso viele verschiedene Sorten Beerensträucher, Himbeer- und Brombeerspaliere und reichlich Erdbeeren, Heidelbeeren usw.. Doch für die Versorgung seines Viehbestandes, der aus Pferden, Kühen, Enten, Hühnern, Gänsen und Schweinen bestanden hatte, reichte dieses Eiland nicht aus und so hatte er am Schniggenkamp noch fünf  Morgen Ackerland hinzu gepachtet und bewirtschaftet.

 

Nun denke man einmal an die verkehrsgünstige Lage direkt an der Chaussee Hildesheim - Halberstadt, nur 4 Treppenstufen davon entfernt. Die Versorgung der Reisenden dürfte mit einem kräftigen finanziellen Zubrot für Familie Vollmar verbunden gewesen sein, die den Durchreisenden den Proviantkorb auffrischen konnten.  

 

OT Vollmar steht für einen der hervorragendsten Telegraphisten auf der gesamten Telegraphen-Linie.  

 

Vollmar schaffte es bei der elektrischen Telegraphie bis zum Direktor!!!  

 

Ganz ähnlich sah es in Hahausen (24) und Mainzholzen (26) aus. Auf dem riesigen Plateau des Osterkopfes, dem Standort der Nr. 24, hatten sich 10 Leute sieben Morgen Pachtland geteilt, Einheimische aber auch 2 Telegraphisten gehörten dazu. Sie bewirtschafteten es mit Ackerbau und Viehzucht, jedoch nicht ganz so vielfältig wie beim OT Vollmar.  

 

Auf dem nicht ganz so großen Plateau des Stollen (26) bekam der OT Tesch pachtfrei ein etwa einen Morgen großes Waldstück, nachdem die Forst die Bäume hinweg genommen hatte, er die Stuken rodete und zu Gail und Gaare (Fruchtbarkeit und Ertrag) bereitete und mit Ackerbau und Viehzucht betrieb. Man findet heute noch eine Stelle in der SO-Ecke auf diesem Grundstück, das etwa 6 Ruthen vom Telegraphen-Gebäude entfernt lag, durch eine üppige Vegetation nur auf diesem Flecken angezeigt, an der sich eine Bio-Anlage inform von einem Mist- oder Komposthaufen befunden haben müsste.  

 

Nichts desto weniger ereiferte sich dessen auch der OT Peters, bei der Nr. 25 auf dem Selter oberhalb von Naensen beschäftigt, der hier ebenfalls einen lange nach der Auflösung der Telegraphenlinie noch bekannten "Peters Garten" zur Eigenversorgung angelegt und genutzt hatte.    

  

Die Bewirtschaftungen der Grundstücke bei den Nrn. 23 Stobenberg Lewe, 24a Altgandersheim auf dem Heber, 27 auf dem Holzberg bei Linnenkamp und der 28 auf dem Burgberg bei Bevern/Warbsen sahen ähnlich aus.  

 

Die Stationen 18. 20 und 21 waren nur zu Dienstzeiten besetzt und bedurften wegen ihrer Ortsnähe keiner Selbstversorgung.

 

Info zum Standortnamen der Nr. 26

 

Der Bauplatz der Station 26 befand sich bei der Erbauung anno 1833 auf dem Forstort Stollen. Der Forstort Elphas befand sich derzeit SW über der Ortschaft Vorwohle, also an einem ganz anderen Ort. Im Laufe der Zeit setzte sich dann der Forstort von Elephas (Elefant) bis zum 18 Jhdt./ Elphas im 19. Jhdt./ und dann im 20. Jhdt. Elfas für den gesamten Höhenzug durch. 

 

Die Landesgrenze HB : KH von annähernd NO nach SW verlief hier auf dem Stollen entlang des Kammweges an dessen nördlichen Rand. Den Grenzverlauf kann man heute an den noch aus dieser Zeit vorhandenen Grenzsteinen erkennen.